Interoperabilität als Basis für zukunftssichere Industriekommunikation

Im August 2026 fand das SPE SA Plugfest 2026 in der SmartFactoryOWL am Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen umfassende Interoperabilitätstests für Single Pair Ethernet (SPE). Ein besonderer Fokus lag auf dem Ethernet-Standard 10BASE-T1S sowie auf dessen Einsatz in Multidrop-Topologien, bei denen mehrere Geräte über eine gemeinsame Kommunikationsleitung miteinander verbunden sind.

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© Fraunhofer IOSB-INA
Zu den Laborinfrastrukturen am Fraunhofer-Institut in Lemgo gehört auch fortschrittliche Messtechnik, die den industriellen Datenverkehr hoch aufgelöst abbilden und analysierten kann.

Das Plugfest brachte unterschiedliche Komponenten und technische Ansätze in einer gemeinsamen Testumgebung zusammen. Ziel war es, das herstellerübergreifende Zusammenspiel unter realitätsnahen Bedingungen systematisch zu untersuchen. Gerade für Unternehmen ist diese Form der neutralen Erprobung von hoher Bedeutung: Sie schafft eine belastbare Grundlage für die Auswahl geeigneter Technologien und unterstützt die Entwicklung offener, flexibel erweiterbarer Automatisierungsarchitekturen.

 

Umfassende Tests unter praxisnahen Bedingungen

Für das Plugfest wurde eine Topologie mit insgesamt 30 Geräten aufgebaut. Das Netzwerk umfasste mehrere kurze Segmente mit einer Länge von jeweils 50 Zentimetern sowie ein langes Segment von 86 Metern. Damit konnten unterschiedliche Leitungslängen und Kommunikationswege innerhalb einer gemeinsamen Infrastruktur betrachtet werden.

Eine automatisierte 30-mal-30-Testmatrix erfasste die Kommunikation zwischen den beteiligten Geräten systematisch. Die dabei gewonnenen Messdaten dienten unter anderem als Grundlage für die Erstellung von Augendiagrammen. Diese ermöglichen eine detaillierte Beurteilung der Signalübertragung und helfen dabei, mögliche Abweichungen, Störeinflüsse oder Schwachstellen in einzelnen Netzwerksegmenten zu erkennen.

Der automatisierte Versuchsaufbau erlaubte eine strukturierte und reproduzierbare Durchführung der Tests. Dies ist besonders relevant, wenn Komponenten verschiedener Hersteller miteinander verglichen oder Änderungen an Hard- und Software nachvollziehbar bewertet werden sollen. Das Plugfest schuf somit einen kontrollierten Rahmen, um technische Fragestellungen frühzeitig und unter industrienahen Bedingungen zu untersuchen.
 

Herstellerneutralität stärkt die Investitionssicherheit

Ein wesentlicher Mehrwert des Plugfests lag in der herstellerneutralen Testumgebung. Unternehmen stehen bei der Einführung neuer Kommunikationstechnologien häufig vor der Frage, ob Komponenten verschiedener Anbieter tatsächlich problemlos zusammenarbeiten. Herstellerangaben oder isolierte Produkttests reichen dafür in der Regel nicht aus, da sich viele Herausforderungen erst im Zusammenspiel mehrerer Geräte zeigen.

Die SmartFactoryOWL und das Fraunhofer IOSB-INA bieten hierfür einen unabhängigen Rahmen. Unterschiedliche Lösungen können auf Basis vergleichbarer Bedingungen untersucht werden, ohne die Bewertung auf einen einzelnen Anbieter oder ein proprietäres Ökosystem zu beschränken. Unternehmen erhalten dadurch mehr Transparenz über technische Eigenschaften, Integrationsmöglichkeiten und potenzielle Risiken.

Herstellerneutralität unterstützt zudem die langfristige Investitionssicherheit. Sind Unternehmen nicht dauerhaft an einen einzelnen Lieferanten gebunden, können sie Komponenten bedarfsgerecht auswählen, Systeme schrittweise erweitern und bei veränderten Anforderungen flexibler reagieren. Gleichzeitig wird das Risiko eines Vendor-Lock-ins reduziert.

Technologieunabhängige Bewertung statt vorschneller Festlegung

Neben der Herstellerneutralität spielt die technologieoffene und unabhängige Bewertung eine zentrale Rolle. Fraunhofer unterstützt Unternehmen dabei, neue Technologien nicht allein anhand kurzfristiger Trends zu beurteilen, sondern sie im Hinblick auf den konkreten industriellen Nutzen zu untersuchen.

Für Unternehmen bedeutet dies, dass technologische Entscheidungen auf nachvollziehbaren Messdaten und praktischen Tests basieren können. Dabei steht nicht die Bevorzugung einer bestimmten Lösung im Vordergrund, sondern die Frage, welche Technologie für den jeweiligen Anwendungsfall die geeigneten Eigenschaften bietet.

Diese unabhängige Herangehensweise hilft insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen, die häufig nicht über eigene umfangreiche Testlabore verfügen. Sie erhalten Zugang zu wissenschaftlicher Expertise, industriellen Versuchsumgebungen und strukturierten Prüfverfahren. Dadurch lassen sich Fehlinvestitionen vermeiden und Einführungsprojekte gezielter vorbereiten.
 

Konkreter Nutzen für Unternehmen

Plugfests bilden eine wichtige Schnittstelle zwischen Standardisierung, Produktentwicklung und industrieller Anwendung. Sie ermöglichen es Herstellern, Technologieanbietern, Maschinenbauern und Anwenderunternehmen, die Praxistauglichkeit neuer Kommunikationslösungen frühzeitig zu bewerten.

Für Unternehmen ergeben sich daraus insbesondere folgende Vorteile:

  • Frühzeitige Interoperabilitätsprüfung: Das Zusammenspiel von Geräten verschiedener Anbieter kann bereits vor dem produktiven Einsatz untersucht werden.
  • Reduzierte Integrationsrisiken: Technische Unstimmigkeiten werden frühzeitig sichtbar und können vor der Inbetriebnahme behoben werden.
  • Geringere Herstellerabhängigkeit: Offene Standards erleichtern die Kombination und den Austausch von Komponenten unterschiedlicher Anbieter.
  • Höhere Investitionssicherheit: Objektive Messdaten unterstützen fundierte Entscheidungen über zukünftige Netzwerk- und Automatisierungsarchitekturen.
  • Kürzere Entwicklungszeiten: Automatisierte Tests und frühzeitiges Feedback können Entwicklungs- und Validierungsprozesse beschleunigen.
  • Niedrigere Folgekosten: Kompatible Komponenten reduzieren zusätzlichen Anpassungs-, Integrations- und Wartungsaufwand.
  • Bessere Skalierbarkeit: Herstellerübergreifend nutzbare Technologien erleichtern die spätere Erweiterung bestehender Anlagen.
  • Unterstützung der Standardisierung: Erkenntnisse aus praktischen Tests können dazu beitragen, Standards und Implementierungsempfehlungen weiterzuentwickeln.
  • Wissens- und Technologietransfer: Der Austausch zwischen Forschung, Herstellern und industriellen Anwendern beschleunigt die Überführung neuer Technologien in die Praxis.
     

Single Pair Ethernet als Baustein moderner Automatisierung

Single Pair Ethernet verfolgt das Ziel, Ethernet-Kommunikation über ein einziges Adernpaar bis in die Feldebene zu bringen. Damit eröffnet die Technologie neue Möglichkeiten für eine durchgängige, IP-basierte Kommunikation innerhalb industrieller Anlagen.

Der Standard 10BASE-T1S ist insbesondere für Anwendungen relevant, bei denen mehrere Geräte effizient über eine gemeinsame Leitung kommunizieren sollen. Multidrop-Strukturen können dazu beitragen, Verkabelungsaufwand zu reduzieren und kompakte Netzwerkarchitekturen umzusetzen. Für eine breite industrielle Nutzung ist jedoch entscheidend, dass Geräte unterschiedlicher Hersteller zuverlässig zusammenarbeiten.

Genau hier setzt das Plugfest an: Es überführt normative Anforderungen in konkrete Testszenarien und macht Interoperabilität praktisch überprüfbar. So wird sichtbar, wie sich standardisierte Technologien in realen Netzwerkstrukturen verhalten und an welchen Stellen weiterer Entwicklungs- oder Abstimmungsbedarf besteht.
 

SmartFactoryOWL als unabhängige Erprobungsplattform

Mit der SmartFactoryOWL verfügt der Standort Lemgo über eine praxisnahe Forschungs- und Demonstrationsumgebung für die industrielle Digitalisierung. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IOSB-INA können neue Technologien unter kontrollierten, zugleich aber realitätsnahen Bedingungen erprobt werden.

Für Unternehmen bietet dieser Rahmen einen entscheidenden Vorteil: Innovationen können untersucht werden, bevor sie in laufende Produktionsanlagen integriert werden. Risiken für Verfügbarkeit und Produktivität lassen sich dadurch begrenzen. Gleichzeitig können Unternehmen technisches Know-how aufbauen und konkrete Einsatzszenarien für ihre eigenen Prozesse entwickeln.

Die Verbindung aus wissenschaftlicher Methodik, industrieller Infrastruktur und herstellerneutraler Moderation macht den Standort zu einem wichtigen Partner für Unternehmen, die neue Kommunikationstechnologien strukturiert bewerten möchten.

 

Fazit

Das SPE Plugfest 2026 hat gezeigt, welchen Beitrag unabhängige und herstellerübergreifende Tests zur Einführung neuer industrieller Kommunikationsstandards leisten können. Der Aufbau mit 30 Geräten, unterschiedlichen Segmentlängen und einer automatisierten Testmatrix ermöglichte eine umfassende Untersuchung des Zusammenspiels innerhalb einer anspruchsvollen 10BASE-T1S-Multidrop-Topologie.

Für Unternehmen liegt der Nutzen vor allem in der gewonnenen Transparenz: Technische Risiken können früher erkannt, Produkte gezielter weiterentwickelt und Investitionsentscheidungen auf eine belastbarere Grundlage gestellt werden. Gleichzeitig fördern offene Standards und neutrale Testumgebungen die Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern. Damit unterstützen Plugfests den Aufbau flexibler, skalierbarer und langfristig nutzbarer Industriearchitekturen.

Möchten Sie prüfen, welches Potenzial Single Pair Ethernet für Ihre Produkte, Anlagen oder Automatisierungsarchitektur bietet? Nehmen Sie Kontakt mit dem Fraunhofer IOSB-INA und der SmartFactoryOWL auf und entwickeln Sie gemeinsam einen herstellerneutralen, praxisnahen Erprobungsansatz für Ihren konkreten Anwendungsfall.